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Reviews Editor: Dr Peter Barker

Ralph M. Leck (2000) Georg Simmel and Avant-Garde Sociology. The Birth of Modernity, 1880-1920, New York: Humanity Books, pp. 356. Price: $25.
ISBN 1-57392-867-4 (Pbk)

Ralph Lecks Simmel-Monographie setzt dort ein, wo David Frisby vor gut zehn Jahren eine entscheidende Bresche geschlagen hatte für eine Positionierung von Georg Simmel (1856-1918) als einem der bedeutendsten und fruchtbarsten Theoretiker der Moderne. Leck leistet dabei erstmals eine perspektivisch weit angelegte Darstellung des Theoretikers, die, eingebettet in einen biographischen Hintergrund, zugleich die kultur- und denkgeschichtlichen Koordinaten des Wilhelminischen Deutschlands mitskizziert. Simmels soziologisch-philosophisch-ästhetische Texte und Konzepte erscheinen somit im Kontext seines akademischen Umfelds und vernetzt mit den unterschiedlichen kulturellen und subkulturellen Bewegungen dieser Ära. Auf diese Weise entsteht ein differenziertes und weitgefächertes Porträt Simmels als vielschichtigem Denker der Gegenkultur und heftigem Kritiker des Kaiser-Kapitalismus.

Herausragend ist Simmel in seiner außergewöhnlichen Fähigkeit, das kritische Potential seiner Zeit aus ihren Extremen zusammenzudenken. Diese Originalität im Kombinatorischen zeigt Simmel in seinen ernüchternden Grenzüberwindungen zwischen Sozialismus und Nietzscheanischer Weltauffassung, zwischen Marxschem Materialismus und dem Idealismus Neo-Kantianischer oder Nietzscheanischer Prägung, die dem parteipolitischen Denken dieser Zeit zutiefst zuwider liefen. "Simmel`s compassionate critique of Kaiser capitalism, superordination, and monetary culture was not only powerful but brilliant; it ranks him with Nietzsche and Marx as one of Germany´s greatest critics of bourgeois society. One might say that he did for capitalist culture what Marx had done for capitalist production: he undertook an immanent critique that called forth countercultural political practice." (S. 120)

Der Ineinsfall bzw. die Einheit der Gegensätze (sozial — individuell) ist bei Simmel allerdings kategorial gedacht und Kern seines Projekts einer 'philosophischen Soziologie´, das sich zwischen seinem frühen Hauptwerk „Einführung in die Moralwissenschaft" (1892/93) über die „Philosophie des Geldes" (1900) bis hin zur „Soziologie" (1908) — allesamt Werke im Umfang von 600 bis 800 Seiten — verfolgen lässt.

Entscheidendes wie konstitutives Merkmal von Simmels Analysen ist sein antifundamentalistischer Zugang zum Denken. Im Aufzeigen der ambivalenten Strukturen deckt er Freiräume und Handlungsräume auf und stellt er gezielt den Sprengstoff gegen die institutionellen und normativen Einschränkungen seiner Gegenwart bereit.

Dass Simmels Stellung als Theoretiker sub- und gegenkultureller Denk- und Lebensstile bereits von seiner Zeit erkannt wurde, lässt der Verfasser aus zahlreichen Zusammenhängen deutlich werden. Zum einen ist es Simmels Außenseitertum an der Universität Berlin, das unmittelbar weit weniger auf seine Zugehörigkeit zum Judentum zurückzuführen ist (wie häufig geschehen), als auf Simmels zeit- und systemkritische Analysen, die von seinen Kollegen als gefährdend eingeschätzt wurden (und mittelbar als Ursache für Simmels ausbleibenden Karriereaufstieg anzusehen sind). Daran geknüpft ist umgekehrt Simmels Ruf und massive Wirkung unter den Studierenden. Simmels Einflüsse lassen sich innerhalb einer ganzen Generation von jungen Intellektuellen nachspüren. Zu den ausführlichen exemplarischen Darstellungen des Verfassers gehören Helene Stöckers und Kurt Hillers Gegenmodelle zu den traditionellen Geschlechteridentitäten (Feminismus, Homosexualität) und die Fruchtbarmachung von Simmels Kritik der bürgerlichen Gesellschaft für den Expressionismus.

Dies macht zum anderen bereits Simmels Überschreitungen der akademischen Arena deutlich. In seiner Verflechtung mit dem Avantgarde-Milieu des Berlin der Jahrhundertwende sieht Leck Simmels Interesse für eine praktische Veränderung begründet. Als bezeichnendes Beispiel hierfür kann sein Einsatz für eine feministische Kultur angeführt werden. Gemeinsam mit seiner Frau Gertrud Kinel, die unter dem Pseudonym Marie Luise von Enckendorff veröffentlicht, steht Simmel im Austausch mit bedeutenden Feministinnen seiner Zeit und tritt für eine radikal gedachte weibliche Gegenkultur ein.

Wie allerdings ist es erklärbar, dass Simmel, dieser äußerst einflussreiche Vordenker der Avantgarde, bis zu seiner jüngsten Wiederentdeckung derart in Vergessenheit geraten konnte? Der vorliegenden Studie ist es gelungen, diese Frage in einen erhellenden Analysezusammenhang zu stellen. Indem der Verfasser die bisherige Berührungsangst mit Simmels problematischen Einstellungen zum Ersten Weltkrieg überwindet und dessen ªinnere Wandlung´ im August 1914 zentral in seine Untersuchungen einbindet, wird es ihm möglich, darin eine Drehscheibe für die gebrochene Simmelrezeption zu entdecken. Dabei verfällt der Autor nicht dem Fehler jener allzu verführerischen Geschichtsteleologie, welche die Wilhelminische Ära verkürzt aus der Perspektive des späteren Nationalsozialismus wahrnimmt. Simmels nationalistische Wende, die er bekannter Weise mit einem Großteil der deutschen Intellektuellen teilte (und die ironischer Weise mit seiner allzu verspäteten Erlangung einer Professur zusammenfällt), stellt zugleich die Ursache für eine der folgenreichsten Rezeptionsbrüche in der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts dar.

Mit seiner Verteidigung des deutschen Militarismus nimmt Simmels Ruf des avantgardistischen Querdenkers schlagartig ein Ende. Simmels StudentInnen distanzieren sich enttäuscht von ihrem Lehrer und vertreten im Gegensatz zu diesem pazifistische Positionen. Eindrucksvoll zeigen Lecks Analysen, wie mit einer äußerlichen Ablehnung und Loslösung von Simmels kritischen Theorien der Vorkriegszeit eine radikale aktivistische Wende einhergeht. Insgesamt fungiert der Erste Weltkrieg als Schwelle einer fundamentalen wie weitreichenden Transformation, die sich in einem veränderten Gebrauch von kulturellen Tropen nachverfolgen lässt und die letztlich vom Wilhelminischen Reich zur Weimarer Republik führt. In einer analogen Wendung wird auch Simmels avantgardistisches Vermächtnis der Vorkriegszeit nicht über Bord geworfen, sondern vielmehr in einer Art „Metempsychose" (S. 272), wie Leck es bezeichnet, ªweitergereicht´. In zweifellos unterschiedlichen Verarbeitungen und Fortentwicklungen findet Simmels Erbe auf diese Weise ein weitgehend anonymes Weiterleben, das für die gesamte Avantgarde-Kultur des 20. Jahrhunderts (ethische wie ästhetische Aspekte gleichermaßen einschließend) von enormer Bedeutung ist.

„Simmel´s legacy offers a different wartime narrative and one that is predominantly anti-Nazi. Within and against tragic tropes of war culture, Bloch, Lucács, Benjamin, and Hiller transformed Simmel´s legacy of Nietzschean anticapitalism into heterogeneous strategies for resisting Nazi culture." (S. 270)

Das Beispiel Lukács und Bloch zeigt, wie Simmels Vermächtnis der Moderne nach dem Ersten Weltkrieg auf zugespitzt gegensätzliche Weise zu zwei der markantesten Spielarten des Marxismus verarbeitet wurde. Während Lukács allerdings in seiner Zuwendung zu einem ontologischen Kommunismus Simmels Konzept der Subjektivität völlig fallen lassen wird, bleibt es in Blochs Philosophie der objektiven Phantasie, die sich in offener Dialektik der Abschließung verwehrt, an zentraler Position erhalten.

Martin Reiterer, University of Liverpool


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Last updated on March 15 , 2004.