Stuart Parkes and
Fritz Wefelmeyer (eds) (2004)
Seelenarbeit an Deutschland – Martin Walser in Perspective
German Monitor No. 60, Amsterdam, New York: Rodopi,
470pp.
ISBN: 90-420-1993-X (Hb). €96
Anläßlich des 75. Geburtstages von
Martin Walser fand Anfang Mai 2002 am Institute of Germanic
Studies der Universität London eine Konferenz unter
dem Motto “Seelenarbeit an Deutschland” statt,
in der ein Rückblick auf Walsers Werk in Interpretation
und Neuinterpretation wichtiger Texte und öffentlicher
Reden sowie in der Rezeption in Kritik und öffentlicher
Auseinandersetzung des Autors mit Kollegen versucht werden
sollte. Vollständigkeit war nicht anvisiert. “Es
ging darum, neue, unterschiedlich breit und weit angelegte
Perspektiven zu entwerfen, von denen aus eine fruchtbare
und zu weiterer Forschung und Diskussion anregende Sicht
möglich wird.” (S. 2) Fünf, auf Leben und
Werk Walsers hin ausgerichtete Perspektiven werden in fünf
Kapiteln einzelner Beiträge gebündelt, wobei es
gilt, auch eine Art von Spiegelung oder imaginärer Debatte
unter den Aufsätzen sowie eine Symbiose zwischen Weiterlesen
und Vertiefen gewonnener Erkenntnisse beim Leser zu stimulieren,
was hervorragend gelingt. Die Beiträge können miteinander
kombiniert werden, wobei das künstliche Gerüst
der Kapiteleinteilung durchlässig wird und zur eigenen
Stellungnahme herausfordert.
Zunächst wird eine Sicht auf Walsers
Frühwerk gegeben (Kapitel 1: “Early Writings
and Teaching”). Der Blick der Beiträger geht
also zu Beginn zurück. Gleich mehrere Aufsätze
konzentrieren sich auf den Vergleich von neueren Arbeiten
und Schreibweisen des Autors mit früheren, etwa Alexander
Mathäs´ Beitrag, der Walsers Beschäftigung
mit Kafka nachgeht und die anhaltende Wirkung dieser Beschäftigung
bis in das Alterswerk des Autors hinein aufzeigt. Natürlich
ist es legitim, eine Perspektive auch darin festzulegen,
indem eine vergleichende Vorgehensweise gewählt wird,
wie es in Kapitel 2: “Aspects and Comparisons”
geschieht. Walser selbst suchte oftmals den Vergleich, wie
zum Beispiel im Fall von Marcel Proust 1977. So untersucht
Jane Walling Walsers Protagonisten Alfred Dorn aus dem Roman
Die Verteidigung der Kindheit (1993) mit Prousts Charles
Swann aus dessen A la recherche du temps perdu, während
sich Arnold Heidsieck genauer mit der Möglichkeit authentischen
Erinnerns bei Walser im Vergleich zu Viktor Klemperers zwischen
1933 und 1945 geschriebenen Tagebüchern auseinandersetzt.
Besonderes Gewicht erhält auch Walsers Ironie-Begriff
in seiner literarischen Gewichtung und Bedeutung –
besonders hervorgehoben in dem Beitrag von Roman Luckscheiter
über die Walser´sche Ironie als demokratische
Waffe. Kapitel 3: “Speaking Out” enthält
Arbeiten, die in der einen oder anderen Form Walsers öffentliche
Reden zum Thema haben. Wilfried von der Will und Volker
Nölle stellen sich die Frage nach der Unausweichlichkeit
der Walser´schen Provokation anhand jener 1998 so
kontrovers von der Öffentlichkeit geführten Friedenspreisrede
des deutschen Buchhandels, in der Walser einen hohen Anteil
in fiktionalen Texten beheimateter textdramaturgischer Strategien
und Techniken benutzt habe, so daß es zwangsläufig
“Reibungen zwischen pragmatischem Ziel und fiktionalen
Mitteln” (S. 260) geben mußte. Nölles Beobachtungen
und Überlegungen klammern bewußt das Provokationspotential
dieser Rede aus. Dieses Thema greift Matthias N. Lorenz´
Beitrag über Familienkonflikt oder Antisemitismusstreit
in Kapitel 4: “Controversial Remembering” auf.
Lorenz geht es darum, den genauen Verlauf und die Facetten
der Walser-Bubis-Debatte zu skizzieren. Die von Lorenz untersuchte
Frage, inwieweit es sich bei dieser Debatte um eine Vergangenheitsdebatte
neuen Stils handelt, greift auch Robert C. Conard auf und
setzt sie, in breiterer Perspektive und mit kritischen Akzenten,
mit der Um- und Neudefinition von Tradition in Beziehung.
Im abschließenden 5. Kapitel “More Controversy
or New Reading?” kehrt der Blick der Referenten zurück
in die Gegenwart und mündet fragend im zukünftigen
Umgang Walsers mit sich selbst und der Öffentlichkeit.
In diesen Beiträgen soll auf die Möglichkeit hingewiesen
werden, daß die heftigen Kontroversen, die Walser
ausgelöst hat und vielleicht noch auslösen wird,
abhängig von der Art der Lektüre und des Umgangs
sind, die der Leser in seiner Lesart, Wahrnehmung und Positionierung
daraus macht. “Tod eines Kritikers” (2002) beispielsweise
ist eine willkommene Einladung zur Medienschelte. Doch viele
Rezensenten ließen sich von den kaum zu haltenden
Antisemitismus-Vorwürfen blenden und gaben dem Roman,
der in erster Linie eine gelungene Persiflage des deutschen
Literaturbetriebs darstellt und in zweiter Linie sensibel
die Einsamkeit eines gescholtenen Autors behandelt, eine
neue Perspektive, eine neue Lesart. Die Beiträger schlagen
einen Bogen von Walsers Novellen aus den 1990er Jahren über
Tod eines Kritikers bis hin zu Der Lebenslauf der Liebe
von 2003. Insgesamt bilden die 25 Arbeiten des vorliegenden
Walser-Bandes eine gelungene Mischung aus Information, Diskussion,
kritischer Würdigung und Analyse eines Schriftstellerlebens,
dessen öffentliche Gestalt nicht weniger wiegt als
die Summe der in fünf Jahrzehnten entstandenen Werke.
Reviewed by Reviewed
by Ralf Oldenburg, Freelance writer.
Colleagues interested in contributing reviews to this website or who would like to suggest books for review, please contact the Reviews editor